Kalifornien: Cannabisgebrauchsstörungen bei Jugendlichen nehmen wieder zu

Autor: Provimedia GmbH

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Kategorie: News

Zusammenfassung: Nach Kaliforniens Cannabis-Legalisierung stiegen Diagnosen von Cannabisgebrauchsstörungen bei Jugendlichen, möglicherweise durch gesellschaftliche Signale und stärkere Produkte. Die Studie zeigt Zusammenhänge, beweist aber keine Ursache.

Die Legalisierung von Cannabis in Kalifornien sollte den Konsum Jugendlicher nicht erhöhen – doch neue Daten zeichnen ein differenzierteres Bild. Warum Diagnosen von Cannabisgebrauchsstörungen nach 2016 wieder anstiegen, welche Rolle gesellschaftliche Signale und stärkere Produkte spielen könnten und wo die Grenzen der Studie liegen, zeigt der folgende Pressespiegel.

Kalifornien: Diagnosen von Cannabisgebrauchsstörungen bei Jugendlichen steigen nach Legalisierung

Nach der Legalisierung des Freizeitkonsums von Cannabis in Kalifornien im Jahr 2016 sind neue Diagnosen einer Cannabisgebrauchsstörung (CUD) bei Jugendlichen in Nordkalifornien wieder angestiegen. Das berichtet aktien.news unter Berufung auf eine im Journal Addiction veröffentlichte Studie.

Vor der Abstimmung über die Legalisierung waren die CUD-Diagnosen drei Jahre lang rückläufig. Der Rückgang lag bei etwa sechs Prozent pro Jahr. Nach der Verabschiedung der Legalisierung kehrte sich der Trend um: Die Diagnosen stiegen anschließend um etwa acht Prozent pro Jahr.

Der Anstieg setzte laut den Forschern bereits mit der Verabschiedung der Legalisierung ein und nicht erst mit der Eröffnung der Einzelhandelsgeschäfte. Anfang 2020, mehr als drei Jahre nach der Verabschiedung, lagen die Diagnosen wieder auf dem Niveau von 2014. Der Aufwärtstrend hielt auch nach Beginn des freizeitorientierten Einzelhandels an.

„Die meisten Umfragen zum Cannabiskonsum bei Jugendlichen zeigen uns, wie viele Jugendliche Cannabis ausprobiert haben, aber nicht, wie viele eine Störung entwickeln, die sie in die klinische Versorgung bringt“, sagte Alisa Padon, PhD, Hauptautorin der Studie und Forschungsleiterin bei „Getting it Right from the Start“, einem Projekt des Public Health Institute.

Padon erklärte weiter, das Ziel der öffentlichen Gesundheit bestehe darin, die durch Cannabiskonsum verursachten Schäden zu reduzieren. Dafür müsse jedoch erfasst werden, wie viele Jugendliche eine behandlungsbedürftige Störung entwickeln.

Studiendaten aus sechs Jahren und 637.461 Jugendlichen

Die Forscher analysierten sechs Jahre an Daten aus elektronischen Gesundheitsakten von 637.000 Jugendlichen, die bei Kaiser Permanente Northern California behandelt wurden. Insgesamt umfasste die Auswertung 637.461 Jugendliche, von denen im Laufe des Untersuchungszeitraums 8.804 neu mit einer Cannabisgebrauchsstörung diagnostiziert wurden.

Untersucht wurden Zeiträume vor der Annahme der Abstimmungsvorlage im Jahr 2016, die Phase zwischen ihrer Verabschiedung und Umsetzung sowie der Zeitraum nach dem Beginn des freizeitorientierten Einzelhandels bis Anfang 2020. Mit einem Design der unterbrochenen Zeitreihe prüften die Wissenschaftler, ob sich die Entwicklung neuer CUD-Diagnosen in den einzelnen Politikphasen veränderte.

MerkmalWert
Untersuchte Jugendliche637.461
Neu diagnostizierte CUD-Fälle8.804
Durchschnittsalter bei Studienbeginn14,1 Jahre
Männlicher Anteil50,9 Prozent
Rückgang der Diagnosen vor 2016etwa sechs Prozent pro Jahr
Anstieg der Diagnosen nach 2016etwa acht Prozent pro Jahr

Die Kohorte hatte bei Studienbeginn ein Durchschnittsalter von 14,1 Jahren und bestand zu 50,9 Prozent aus männlichen Jugendlichen. Die ethnische Zusammensetzung umfasste 33,6 Prozent nicht-hispanisch weiße, 29,6 Prozent hispanische, 17,1 Prozent nicht-hispanisch asiatische, 8,0 Prozent nicht-hispanisch schwarze sowie 11,5 Prozent Jugendliche mehrfacher oder anderer Herkunft.

Infobox: Die Untersuchung erfasste 637.461 Jugendliche. Bei 8.804 von ihnen wurde innerhalb von sechs Jahren erstmals eine Cannabisgebrauchsstörung diagnostiziert. Der rückläufige Trend vor 2016 wurde nach der Verabschiedung der Legalisierung durch einen jährlichen Anstieg von etwa acht Prozent abgelöst.

Veränderung des rechtlichen und sozialen Umfelds als mögliche Ursache

Die Autoren führen den frühen Anstieg möglicherweise auf Veränderungen im rechtlichen und sozialen Umfeld rund um die Abstimmung zurück. Mit der Verabschiedung der Legalisierung wurden die strafrechtlichen Konsequenzen für Cannabisdelikte bei Minderjährigen reduziert. Dies könnte verändert haben, wie Jugendliche die möglichen Folgen des Konsums bewerteten.

Nach Einschätzung der Forscher könnte die Legalisierung außerdem als normatives Signal gewirkt haben. Cannabis könnte dadurch als sozial akzeptabel oder risikofrei wahrgenommen worden sein. Verstärkt worden sein könnte diese Botschaft durch werbliche Maßnahmen im Zusammenhang mit dem Wahlkampf im Jahr 2016.

Mit der Entwicklung des Einzelhandelsmarktes kamen laut der Studie weitere Faktoren hinzu. Dazu zählten jugendattraktive Werbung, eine größere Produktvielfalt und THC-Produkte mit höherer Potenz.

Infobox: Die Forscher sehen mögliche Zusammenhänge mit rechtlichen, sozialen und marktbezogenen Veränderungen. Der Anstieg der Diagnosen begann bereits mit der Verabschiedung der Legalisierung und nicht erst mit dem Start des Einzelhandels.

Gesamtkonsum und Cannabisgebrauchsstörung sind unterschiedliche Messgrößen

Nationale Umfragen zeigen laut aktien.news, dass die Gesamtraten des Cannabiskonsums bei Jugendlichen seit zwei Jahrzehnten relativ stabil geblieben sind. Diese Daten werden häufig als Hinweis darauf herangezogen, dass die Legalisierung keine Auswirkungen auf junge Menschen gehabt habe.

Die Studienergebnisse weisen jedoch auf einen Unterschied zwischen der Zahl der Jugendlichen, die Cannabis konsumieren, und der Zahl der Jugendlichen hin, die eine Cannabisgebrauchsstörung entwickeln. Bei einer CUD handelt es sich um eine komplexe Erkrankung, die durch ein problematisches Muster des Cannabiskonsums gekennzeichnet ist.

Das Risiko für eine solche Störung steigt den Forschern zufolge stark an, wenn Cannabis häufiger konsumiert wird oder der erste Konsum in einem früheren Alter beginnt. Deshalb empfehlen sie, bei der Bewertung der gesundheitlichen Folgen einer Legalisierung nicht nur Prävalenz und Häufigkeit des Konsums zu betrachten, sondern auch störungsspezifische Ergebnisse.

„Die neue Studie zeigt, dass Cannabisgesetze mit Veränderungen in den Raten von Cannabisgebrauchsstörungen bei jungen Menschen verbunden sind“, sagte Senior-Autor Kelly Young-Wolff, PhD, MPH, Wissenschaftlerin am Kaiser Permanente Division of Research.
„Da die Potenz gestiegen ist, ist es wichtiger denn je, dass Familien verstehen, dass dies ein Produkt ist, das süchtig machen kann und für einige Kinder echte medizinische Versorgung erfordert“, ergänzte Young-Wolff.
Infobox: Stabile Konsumraten schließen eine Zunahme problematischer Konsummuster nicht aus. Die Studie stellt deshalb Diagnosen von Cannabisgebrauchsstörungen als zusätzliche wichtige Kennzahl neben allgemeinen Konsumdaten heraus.

Begleitstudie meldet Anstieg des selbstberichteten Konsums bis Anfang 2020

Das Muster bei den CUD-Diagnosen entspricht laut dem Bericht einer Begleitstudie zum selbstberichteten Cannabiskonsum bei Jugendlichen. Diese Untersuchung veröffentlichten die Forscher earlier dieses Jahres in JAMA Network Open.

Der selbstberichtete Konsum sank demnach vor der Legalisierung in Kalifornien. Nach der Verabschiedung des Gesetzes begann er jedoch bereits vor der Eröffnung der Einzelhandelsgeschäfte wieder zu steigen und erreichte bis Anfang 2020 einen Höchststand von 9,5 Prozent.

Im Jahr 2024 lag der Jugendarbeitskonsum bei 6,5 Prozent und damit laut Quelle nahe dem Niveau kurz vor der Legalisierung.

ZeitraumAngabe aus dem Bericht
Vor der LegalisierungDer selbstberichtete Konsum sank
Nach der Verabschiedung und vor der Eröffnung der EinzelhandelsgeschäfteDer Konsum begann wieder zu steigen
Anfang 2020Höchststand von 9,5 Prozent
Jahr 20246,5 Prozent
Infobox: Die Begleitstudie beschreibt ebenfalls einen Anstieg nach der Verabschiedung der Legalisierung. Anfang 2020 wurde ein Höchststand von 9,5 Prozent erreicht, während der Wert im Jahr 2024 bei 6,5 Prozent lag.

Studie hat mehrere Einschränkungen

Die Studienpopulation bestand aus Jugendlichen, die über Kaiser Permanente Northern California versichert waren. Deshalb lassen sich die Ergebnisse möglicherweise nicht auf Jugendliche in Südkalifornien, andere Bundesstaaten oder Jugendliche ohne Versicherungsschutz übertragen.

Da Proposition 64 landesweit in Kraft trat, gab es keine Vergleichsgruppe unexponierter Jugendlicher. Das Design mit einer einzelnen Gruppe kann außerdem nicht ausschließen, dass im selben Zeitraum andere, nicht gemessene Entwicklungen eine Rolle spielten.

Zu den möglichen Einflussfaktoren zählen laut der Studie breitere Verschiebungen in der psychischen Gesundheit von Jugendlichen, Veränderungen bei Screening-Praktiken und eine veränderte Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen. Außerdem wurde die Analyse nicht präregistriert.

Der Untersuchungszeitraum endete vor der COVID-19-Pandemie. Dadurch sind Aussagen über längerfristige Trends eingeschränkt.

Infobox: Die Ergebnisse gelten unmittelbar für die untersuchte Versichertenpopulation in Nordkalifornien. Fehlende Vergleichsgruppen, mögliche weitere zeitgleiche Entwicklungen und das Ende des Untersuchungszeitraums vor der COVID-19-Pandemie begrenzen die Aussagekraft für andere Gruppen und spätere Zeiträume.

Einschätzung der Redaktion

Die Ergebnisse sind gesundheitspolitisch relevant, weil sie zeigen, dass stabile allgemeine Konsumraten problematische Verläufe bei Jugendlichen verdecken können. Ein jährlicher Anstieg der Diagnosen um etwa acht Prozent nach 2016 ist ein ernstzunehmendes Warnsignal, beweist für sich allein jedoch keine direkte Verursachung durch die Legalisierung.

Entscheidend ist daher eine Regulierung, die Jugendmarketing, Produktpotenz und Zugänglichkeit wirksam begrenzt und zugleich Früherkennung sowie Behandlung ausbaut. Künftige Bewertungen sollten neben Konsumhäufigkeiten systematisch behandlungsbedürftige Störungen erfassen.

Kernaussage: Die Studie spricht für eine vorsichtigere Bewertung der Folgen der Cannabislegalisierung und für einen stärkeren Fokus auf gesundheitliche Schäden statt ausschließlich auf allgemeine Konsumquoten.

Quellen: